"Ewigkeitschemikalien" PFAS in der Bratpfanne: Bald verboten? (011) [Risiko kompakt]

Shownotes

Die sogenannten „Ewigkeitschemikalien“ PFAS stecken in vielen Produkten und Geräten. Von der Bratpfanne über Outdoor-Kleidung und den Touchscreen im Smartphone bis hin zu Industrieanlagen und Motoren. Besonders ihre Langlebigkeit ist jedoch ein großes Problem – vor allem für die Umwelt. Auf EU-Ebene wird deshalb aktuell ein Verbot vorbereitet. Um was es dabei geht und warum man PFAS-beschichtete Bratpfannen trotzdem weiterbenutzen kann, erklärt die Auftakt-Folge von unserem neuen Kurzpodcast-Format „Risiko kompakt“.

Autor: Stefan Römermann

Interviewpartnerin: Dr. Claudia Lorenz, Biologin (BfR)

Moderation: Sonja Schäche

Links:

FAQ: Gekommen, um zu bleiben - Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) in Lebensmitteln und der Umwelt

FAQ: Geschirr mit PTFE-Antihaftbeschichtung - Gesundheitsbeeinträchtigungen nicht zu erwarten

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00:00:01: Risiko: kompakt

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00:00:09: Sonja Schäche: Gesundheitliche Risiken unter die Lupe nehmen, unaufgeregt und wissenschaftlich fundiert – das ist die Idee hinter unserem Risiko-Podcast. Bisher machen wir das vor allem in lockeren Gesprächen mit unseren BfR-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Die einzelnen Folgen sind dabei in der Regel etwa eine halbe Stunde lang. Als Ergänzung dazu wollen wir zukünftig unter dem Titel „Risiko kompakt“ zwischendurch immer mal wieder auch kürzere Podcast-Folgen produzieren. Für diese erste Ausgabe hat sich mein Kollege Stefan Römermann erklären lassen, was es mit dem möglichen Verbot der sogenannten „Ewigkeitschemikalien“ PFAS auf sich hat.

00:00:45: Stefan Römermann: Die Abkürzung PFAS steht für eine riesige Gruppe an künstlich hergestellten Substanzen, für die „poly- und perfluorierte Alkylsubstanzen“. Insgesamt gehören über 10.000 unterschiedliche Stoffe zur Gruppe dieser PFAS. Alle PFAS-Substanzen gemeinsam haben dabei eine chemische Besonderheit: Ihre Moleküle besitzen eine besonders stabile Verbindung zwischen den Kohlenstoff- und den Fluor-Atomen. Genau diese extrem stabile Kohlenstoff-Fluor-Verbindung macht die PFAS-Substanzen dabei so einzigartig und gibt ihnen ganz besondere Eigenschaften, sagt Biologin Dr. Claudia Lorenz aus der Abteilung für Chemikalien- und Produktsicherheit bei uns am Bundesinstitut für Risikobewertung.

00:01:23: Claudia Lorenz: Sie sind einerseits Wasser- und fettabweisend. Darüber hinaus sind sie aber auch unglaublich stabil. Das heißt, sie halten hohe Temperaturen und Drücke aus, also extrem scharfe Bedingungen.

00:01:34: Stefan Römermann: Genau deshalb werden diese Substanzen in vielen Alltagsgegenständen eingesetzt.

00:01:39: Claudia Lorenz: Ganz bekannt ist die Bratpfanne, die Antihaftbeschichtung … unter dem Handelsnamen Teflon sehr bekannt. Oder der Touchscreen vom Handy zum Beispiel. Dann haben wir PFAS in Outdoor-Gegenständen. Also in einem Zelt oder in einer Jacke.

00:01:53: Stefan Römermann: Aber auch in vielen technischen Geräten oder Industrieanlagen finden sich Stoffe aus der Gruppe der PFAS.

00:01:58: Claudia Lorenz: Zum Beispiel in der Lebensmittelproduktion, in Fließbändern findet man sie auf der Oberfläche, damit diese Fließbänder gut zu reinigen sind. In Automotoren, in der Kaffeemaschine zum Beispiel, in Dichtungsringen eben, also von sämtlichen technischen Geräten, wo Dichtungen enthalten sind, weil PFAS ebenso langlebig sind und eben dann diese Teile auch entsprechend nachhaltig, langlebig sind.

00:02:19: Stefan Römermann: Ausgerechnet die Langlebigkeit der PFAS-Substanzen sorgt aber auch für eine Menge Probleme, erklärt Biologin Lorenz.

00:02:26: Claudia Lorenz: Denn PFAS, wenn sie in die Umwelt gelangen, bauen sich sehr, sehr langsam ab. Sodass sie in der Umwelt sich anreichern und dort nicht verschwinden. Deswegen hört man auch oft den Begriff Ewigkeitschemikalien.

00:02:38: Stefan Römermann: Und selbst wenn sich einzelne Substanzen nach langer Zeit zersetzen, bleibt die super-stabile Verbindung zwischen den Kohlenstoff- und Fluor-Atomen erhalten und es entsteht einfach nur ein neues, etwas kleineres PFAS-Molekül. Und als wäre das nicht genug, sind viele dieser Substanzen auch noch extrem mobil und beweglich und deshalb mittlerweile praktisch überall auf der der Welt nachweisbar.

00:03:00: Claudia Lorenz: Sodass man PFAS tatsächlich in sehr abgelegenen Regionen finden kann, wo vielleicht gar keine Menschen leben, die PFAS in die Umwelt einbringen. Aber aufgrund dieser Mobilität werden sie über den Wasserkreislauf oder aber auch über die Luft, atmosphärisch, in sehr entlegene Regionen transportiert.

00:03:16: Stefan Römermann: Immerhin: Beispielsweise in den Polar-Regionen wurden bisher nur kleinste Mengen dieser Stoffe nachgewiesen. Damit das so bleibt und sich nicht immer mehr und mehr PFAS in der Umwelt ansammeln, wird auf EU-Ebene aktuell ein mögliches Verbot vorbereitet. Im Zentrum geht es bei diesem Verbotsverfahren um Umweltfragen und ganz konkret darum, die Anreicherung von PFAS in der Umwelt einzudämmen. Letztlich soll ein Verbot aber unsere Lebensgrundlagen schützen. Denn Stoffe, die sich in der Umwelt anreichern, gelangen oft auch in die Nahrungskette und damit letztendlich auch bei uns auf den Teller, erklärt Biologin Lorenz.

00:03:53: Claudia Lorenz: Und somit gelangen sie dann doch in unseren Körper und sind auch bei im Körper je nach Substanz schwer abbaubar und können sich auch bei uns im Körper anreichern.

00:04:01: Stefan Römermann: Ob ein Verbot kommt und wie es konkret aussieht, wird voraussichtlich im Jahr 2027 auf EU-Ebene entschieden. Aus Deutschland waren an dem Verfahren im Vorfeld die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, das Umweltbundesamt und das Bundesinstitut für Risikobewertung beteiligt. Zusammen mit Partnerbehörden aus mehreren anderen EU-Staaten haben sie für ein Dossier zusammengestellt. Dieses Dossier trägt die Argumente für und gegen ein solches Verbot zusammen und zeigt –die Rahmenbedingungen für solch ein Verbot auf. Statt Verbote von einzelnen Substanzen zu erlassen, könnte demnach die gesamte Gruppe der PFAS mit wenigen Ausnahmen reguliert werden, erklärt Lorenz.

00:04:42: Claudia Lorenz: Der grundsätzliche Gedanke ist, alles zu verbieten, auch um zu verhindern, dass ein verbotenes PFAS durch ein anderes PFAS einfach ersetzt wird.

00:04:50: Stefan Römermann: Das ist in der Vergangenheit bei anderen Verboten immer mal wieder passiert: Vereinfacht gesagt wurde von den Herstellern die chemische Struktur des jeweiligen Stoffes nur minimal verändert. Damit war es rechtlich gesehen eine neue Substanz und fiel nicht mehr unter das Verbot, obwohl die chemischen Eigenschaften fast die gleichen geblieben sind.

00:05:09: Claudia Lorenz: Vielleicht müsste man ein bisschen mehr davon einsetzen, weil es eben nicht so effektiv ist. Aber das ist eben das, was verhindert werden soll: Dass ein PFAS das andere ersetzt.

00:05:17: Stefan Römermann: Bei den möglichen Ausnahmen geht es um Bereiche, in denen es zu PFAS bisher keine brauchbare Alternative gibt. Für solche Fälle könnte es lange Übergangsregelungen geben oder sie könnten sogar komplett vom Verbot ausgeklammert werden, erklärt Lorenz.

00:05:31: Claudia Lorenz: Wenn also keine Alternative vorhanden ist, die die Funktion der PFAS übernehmen könnte und wenn es dadurch zu einem Problem kommen würde, wie zum Beispiel in Medizinprodukten.

00:05:41: Stefan Römermann: Dort werden PFAS beispielsweise in Blutbeuteln oder auch in Implantaten benutzt. Anwendungen, wo sie sich so schnell vermutlich nicht ersetzen lassen. In der heimischen Küche könnte sich ein Verbot dagegen vergleichsweise schnell bemerkbar machen. Besser gesagt: beim Einkauf von Küchenzubehör. Schließlich basieren die klassischen Antihaftbeschichtungen beispielsweise in der Bratpfanne in der Regel auf PTFE. Das ist ein Stoff, der ebenfalls zur Gruppe der PFAS gehört. Pfannen, Töpfe und andere Küchenutensilien mit einer entsprechenden Beschichtung könnten deshalb in ein paar Jahren vom Markt verschwinden. Wer so eine Pfanne hat, kann sie aber beruhigt weiterbenutzen. Schließlich geht es bei dem geplanten Verbot von PFAS in allererste Linie um die Auswirkungen von PFAS auf die Umwelt und dass sich PFAS dort immer weiter anreichern. Gesundheitliche Risiken durch die Antihaftbeschichtung in der Bratpfanne sind dagegen ziemlich unwahrscheinlich, beruhigt Claudia Lorenz.

00:06:37: Claudia Lorenz: Diese Beschichtung, die ist reaktionsträge, das heißt, es reagiert nicht mit irgendeinem Lebensmittel, was da drin ist. Es ist sehr temperaturbeständig, das heißt, da passiert nichts mit. Das kommt gar nicht in meinen Körper, weil es nicht ins Essen geht, in mein Lebensmittel, was ich brate oder zubereite.

00:06:53: Stefan Römermann: Und selbst wenn sich beim Kratzen kleine Krümel aus der Beschichtung lösen und doch im Essen landen: Diese „reaktionsträgen“ chemischen Eigenschaften sorgen dafür, dass die Krümel auch nicht im Körper reagieren. Sie werden meist einfach wieder ausgeschieden werden. Oben rein, unten raus. Problematisch wird es nur, wenn Töpfe und Pfannen extrem überhitzt werden. Bei Temperaturen von über 360 Grad Celsius können nämlich gesundheitsschädliche Dämpfe entstehen. Deshalb sollten beschichtete Pfannen und Töpfe niemals leer auf die Herdplatte gestellt werden, rät Lorenz.

00:07:27: Claudia Lorenz: Denn solange dort Wasser oder wässriges Lebensmittel drin ist, erreicht die Temperatur viel mehr als den Siedepunkt, also mehr als 100 Grad Celsius. Wenn wir Öl in der Pfanne haben, dann fängt es bei höheren Temperaturen und je nach Art des Öles an, irgendwann zu qualmen. Und wir sehen, okay, es ist heiß und so braten wir sowieso nicht.

00:07:46: Stefan Römermann: Abseits der Küche haben einige andere PFAS im menschlichen Körper aber durchaus lange Halbwertszeiten und können beispielsweise das Immunsystem, den Fettstoffwechsel und die Leber beeinträchtigen. Solche Substanzen finden sich teilweise im Trinkwasser oder in Lebensmitteln wie Fisch und Meeresfrüchten. Deshalb sind die Produktion und der Einsatz bestimmter Stoffe aus der PFAS-Gruppe schon jetzt EU-weit verboten oder ihr Einsatz sehr stark eingeschränkt. Und Studien zu diesen inzwischen streng regulierten Stoffen zeigen: Seit Mitte der 1990er Jahre sind die gemessenen Werte dieser Stoffe im Blut der Menschen in Deutschland deutlich zurückgegangen.

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00:08:32: Sonja Schäche: Und das war die erste Folge von unserem Kurzpodcast-Format "Risiko kompakt". Wenn es Ihnen gefallen hat, abonnieren Sie gerne unseren Kanal. Oder schicken Sie uns eine Mail an: podcast@bfr.bund.de

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